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Denkmale p. 2

Eigene Texte > 2002 > Denkmale

Ein Grundmuster denkmalpflegerischen Wirkens ist, daß die Denkmalpflege zunächst einen Konsens über den Wert des Denkmals erzeugt und seine Bedeutung im Bewußtsein des Eigentümers und der Allgemeinheit verankert. Dann verhandelt sie, oft genug im Streit und unter verlustreichen Kompromissen, über eine vertretbare Nutzung und Instandsetzung und präsentiert schließlich das Ergebnis. Nun soll das Denkmal in der Gesellschaft seine Integrationswirkung entfalten – in der Nachbarschaft, der Stadt, der Region, im Lande – und seinerseits Konsens über Geschichte und vielleicht auch über Kunst verbreiten. Baudenkmale werden so als Medium der Identitätsstärkung begriffen: eine Gruppe, eine Stadt, Region oder Nation soll sich durch gemeinsame Betrachtung und Fürsorge die Denkmale aneignen und damit ein stärkeres Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln. Die Geschichte derDenkmalpflege im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland ist voll von Beispielen, die belegen, wie eine bestimmte Restaurierung einer Kirche, einer Burg, eines Rathauses, einer Stadtbefestigung, zur Repräsentation und politischen Festigung eines Gemeinwesens dienen sollten und gedient haben. Über die Zeitgebundenheit auch der Denkmalpflege, ihrer Werturteile und Restaurierungsstile, ihrer Erfolge und ihrer Irrtümer ist viel geschrieben worden.

Was gerne ignoriert wird: Die Stärkung von Gruppenidentität durch das gemeinsame kulturelle Gedächtnis und die Integrationskraft der Baudenkmale aus vergangenen Zeit bewirkt, freilich ohne ausdrückliche Absicht und deswegen leicht zu übersehen, auf der Kehrseite eine Stärkung der Abgrenzung nach außen: gegen andere soziale oder ethnische Gruppen, Regionen, Nationen mit anderem Erbe oder möglicherweise auch mit anderen Deutungen derselben Objekte. Identitätsbildung und Abgrenzung bedingen einander in einem dialektischenVerhältnis. Ein englischer Kollege berichtet über die Bewertung einer Burg im Grenzland zwischen England und Wales: Wenige Wochen nach dem Wechsel der Zuständigkeit von der Londoner Zentralstelle von English Heritage zur walisischen Zweigstelle war die Denkmalbewertung grundlegend umgeschrieben, weil die Burg und ihre Geschichte nun von der anderen Seite der Grenze betrachtet wurden.

Vergleichbares kann auch im Inneren eines Landes geschehen, etwa an den Bruchlinien zwischen sozialen oder politischen Gruppen, gewissermaßen im ideologischen Grenzland. So zum Beispiel kurze Zeit nach dem Zusammenbruch des sozialistischen deutschen Staates, als die Denkmalbegründung für das Lenindenkmal von Nikolai Tomski in Berlin-Friedrichshain neu und vollkommen anders geschrieben wurde. Der DDR-Text aus den 1970er Jahren pries die Leistungen Lenins, der Nachwendetext hob die große Zeugniskraft des Denkmals für die Geschichte und Ideologie der DDR hervor. Ohne Erfolg übrigens, das Denkmal wurde im November 1991 demontiert.

Oder im Berlin unserer Tage, wenn es um den Palast der Republik" geht, das Kultur-  und Parlamentshaus der DDR im ehemaligen Ostberlin, das für die einen ein Denkmal der Zeitgeschichte, besser noch: ein Lieu de Mémoire von großer Integrationskraft ist, für die anderen nur ein häßlicher Bau der 1970er Jahre, ein Hindernis, das der Rekonstruktion des im Jahre 1950 gesprengten Berliner Stadtschlosses im Wege steht. Die Denkmalpflege konnte auch in diesem Falle, trotz großen Engagements, keinen Konsens erzeugen, das Denkmal, das wir nicht einmal offiziell so nennen dürfen, verbreitet nicht Konsens, sondern Streit.

Wenn die Denkmalpflege, wie in Berlin nach dem Sturz der DDR, statt nur an der Kräftigung von gegebenen Gruppenidentitäten und deren territorialer oder ideologischer Abgrenzung mitzuwirken, diese Grenzen reflektiert und zu verändern und zu verschieben versucht, wird sie selber zum sichtbaren und gelegentlich wirksamen Akteur auf der Bühne der Zeitgeschichte. Das Kulturerbe gewinnt mehr politische Bedeutung und die Denkmalpflege mehr kulturelle


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